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10 März 2022

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Author: Alexander Sickert

nearshore readiness test

Bereit für Nearshoring? Die Nearshore-Readiness-Prüfung

 

Was sind die Voraussetzungen, damit Ihr Unternehmen erfolgreich Nearshoring betreiben kann

 

In unserer täglichen Praxis sprechen wir mit Unternehmen, die sich für das Thema Nearshoring interessieren. Oftmals wissen die Firmen um die Vorzüge des Nearshorings, können jedoch schwer einschätzen, ob sie die Voraussetzungen mitbringen, um „Nearshoring gehen” zu können.

Die richtigen Rahmenbedingungen bestimmen jedoch maßgeblich darüber, ob ein solches Vorhaben auch Erfolg hat. Nicht ohne Grund ist Nearshoring ein Thema, vor dem viele zurückschrecken mit der Meinung „das geht nicht”.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass Nearshoring dann erfolgreich ist, wenn die Unternehmen bestimmte Voraussetzungen erfüllen und gewissen Prinzipien folgen. Es gibt kritische Faktoren, die entscheidend sind.

Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in Nearshoring-Projekten kennen wir diese Erfolgsfaktoren und stellen Sie Ihnen in diesem Beitrag vor. Anhand dieser Übersicht können Sie in einem ersten Schritt überprüfen, ob Nearshoring für Ihr Unternehmen in Frage kommt oder nicht.

 


Sprache

 

Nearshore-Teams befinden sich im Ausland. Die Kommunikation kann daher nur auf Englisch stattfinden. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass man eine ausreichende Anzahl an IT-Fachkräften findet, die von ihren Fähigkeiten und Erfahrungen zum Projekt passen und auch noch fließend Deutsch sprechen.

Die Mitarbeiter, die mit dem Nearshore-Team zusammenarbeiten, müssen demnach einverstanden sein, die Kommunikation zu 100% auf Englisch vorzunehmen.

 


Aufgabenverteilung und interne Prozesse

 

Ready for nearshoring readiness testWenn alle Mitarbeiter in Deutschland arbeiten und sich das ganze Team in einem Raum befindet, dann können Aufgaben auf Zuruf verteilt werden. Man kann auch ad hoc Themen besprechen. Die Koordination ist relativ einfach und man bekommt über den „Flurfunk” viele wichtige Informationen mit.

Wenn man mit einem verteilten Team arbeitet, bei dem einzelne oder alle Mitarbeiter remote arbeiten, dann ist das hingegen eine ganz andere Situation. Hier sind folgende Dinge wichtig:

 

Requirements müssen in einem Tool erfasst werden

 

Die einzelnen Anforderungen an die Software müssen beschrieben sein in einem System, das mit Tickets arbeitet. Das kann Jira, Trello oder etwas Vergleichbares sein. Aber es sollte mehr als ein reines Excel-Sheet sein, denn das kann leicht zu Verwirrungen führen.

Die Beschreibung muss kurz und prägnant sein und doch so komplett, dass ein Softwareentwickler damit arbeiten kann, ohne noch mehrmals nachfragen zu müssen.

 

Fixe Team-Meetings

 

Für die Team-Moral ist es sehr wichtig, dass Teambesprechungen immer zum selben Zeitpunkt stattfinden und nicht ausfallen. Es muss zu einem Ritual werden. Agile Methoden wie SCRUM sehen das generell auch so vor.

Wenn ein Team in Deutschland in einem Raum sitzt, dann macht es im Allgemeinen nicht viel aus, wenn Meetings verschoben werden oder ausfallen. Es gäbe immer noch den Flurfunk und man kann auf dem kurzen Dienstweg miteinander kommunizieren.

Aber auf Distanz ist es wichtig, dass sich alle an definierte Prozesse halten, um einen Kommunikationsfluss zu erreichen, bei dem Informationen nicht verloren gehen. Diese konsistente und disziplinierte Durchführung der Rituale hat einen motivierenden Einfluss auf die Mitarbeiter. Zusätzlich wirkt sich dies positiv auf die Unternehmenskultur aus.

 

Softwareentwicklung und Testing

 

In Osteuropa gibt es üblicherweise eine Trennung zwischen Test und Entwicklung einer Anwendung. Das macht aus diversen Gründen Sinn. Die Rollen sind auch aus finanzieller Sicht getrennt, denn die Gehälter von Testern in Osteuropa beispielsweise sind geringer als die der Programmierer.

Andererseits widerspricht es dem ursprünglichen SCRUM-Gedanken, bei dem jedes Teammitglied alles machen kann. Tendenziell ist es aber so, dass ein Softwareentwickler, der seinen Programmcode selbst testet, weniger Fehler findet als eine dritte Person, denn er ist überoptimistisch seiner eigenen Arbeit gegenüber.

 


Arbeitsmarkt

 

Der Arbeitsmarkt in anderen Ländern „dreht” sich viel schneller als in Deutschland. Verträge können je nach Region mit einer einmonatigen Frist gekündigt werden und die Verweildauer eines Mitarbeiters im Unternehmen ist generell kürzer. Das hat weitreichende Auswirkungen.

So muss zum Beispiel der Recruiting-Prozess viel schneller ablaufen als in Deutschland üblich. Denn ein (guter) Kandidat hat fast immer mehrere Angebote auf dem Tisch und wartet nicht allzu lange bis er eine Zu- oder Absage erhält. Dies bedeutet: Die Prüfung der Kandidaten muss auf der deutschen Seite zügig erfolgen.

Ein Kandidat sollte ca. innerhalb einer Woche nach dem Vorstellungsgespräch eine Zu- oder Absage bekommen. Anderenfalls muss man damit rechnen, dass ein guter Kandidat abspringt, weil eine andere Firma einfach schneller zu einer Entscheidung gekommen ist.

 


Commitment

 

Wer das Thema Nearshoring mit einer reinen Kostenbrille angeht, wird keinen Erfolg haben. Die Devise darf nicht sein, zu sparen wo es nur geht.

Gute IT-Fachkräfte haben überall auf der Welt alternative Jobmöglichkeiten. Sie bleiben nicht lange in einem Umfeld, das ausschließlich von Kosteneinsparung charakterisiert ist. Entwickler wollen gute Arbeit in einem vernünftigen Umfeld abliefern. Das ist bei deutschen Ingenieuren nicht anders. Um mit einem Team gute Resultate zu erzielen, sind daher folgende Schritte unablässig.

 

equipment for nearshore team

Besuche

 

Mindestens alle 3-4 Monate sollte jemand aus Deutschland das Team besuchen oder mindestens 2 Mitglieder nach Deutschland kommen. Üblicherweise macht man das bei der Planung von Milestones etc.

Regelmäßige, persönliche Treffen machen dem Team deutlich, dass es wichtig ist und ernstgenommen wird und nicht nur eine „billige Werkbank” ist.

 

Ausrüstung

 

Die Hard- und Software sollte Industriestandard sein und nicht low-cost. Kein Ingenieur arbeitet gerne mit billigen und schlechten Tools.

 

Personalführung und Personalentwicklung

 

Mitarbeiter möchten spüren, dass ihre Leistung wahrgenommen wird und dass sie ihre Fähigkeiten erweitern. Ebenso möchten sie sehen, dass ihr Feedback und Verbesserungsvorschläge gehört werden. Deshalb sind Feedbackgespräche und Mitarbeiterbewertungen wichtig.

 


Technology Stack & Maintenance Projekte

 

Jeder IT-Spezialist hat ein Interesse, seine Kenntnisse kontinuierlich zu erweitern. Daher gehen sie zu denjenigen Arbeitgebern, welche ihnen ermöglichen, neue und gefragte Technologien zu verwenden.

Das hat folgende Konsequenzen: Wer mit einer alten Technologie arbeitet, wird es schwer haben, passende Entwickler zu finden.

Wer Maintenance-Projekte ins Ausland verlagern will, wird sich schwertun, passende Entwickler zu finden, denn diese Projekte erlauben selten, dass sich jemand wirklich fortbildet.

Natürlich ist dieses Thema nicht schwarz-weiß zu sehen. Man muss sich bei einem Maintenance-Projekt darauf einstellen, dass die Personalsuche länger dauert und eine andere Kategorie von IT-Fachkräften anspricht als Projekte mit Cutting-Edge-Technologien.

 


Methoden

 

Programmierer, zum Beispiel in Osteuropa, arbeiten üblicherweise mit SCRUM oder Kanban oder einem Mix aus beidem. Andere Methoden gibt es, aber es empfiehlt sich, hier weniger zu experimentieren und eher an den Methoden festzuhalten, die jedes Teammitglied bereits kennt.

Was sicher nicht funktioniert, ist eine ad-hoc-Entwicklung, bei der man „mal schnell” dieses oder jenes Feature einbauen soll.

Diesen Stil findet man oft bei kleinen Digital- oder Werbeagenturen. In einem internationalen Kontext über mehrere tausend Kilometer birgt dies ein großes Potential für Missverständnisse – insbesondere was Prioritäten, genaue Features und Deadlines angeht. Wie oben beschrieben, sind interne Prozesse und Aufgabenbeschreibungen wichtig.

 


C-Level Commitment

 

Nearshoring wird nur dann möglich sein, wenn die Führungsebene voll dahintersteht. Insbesondere der CIO/CTO.

Wenn diese nicht mit im Boot sind, wird es früher oder später Konflikte geben. Mal werden die Kosten kritisiert, mal grundsätzlich die Fähigkeiten des Nearshore-Teams angezweifelt, welches eventuell sogar als Fremdkörper wahrgenommen wird.

 


Kultur

 

Andere Länder, andere Sitten. Eine Toleranz gegenüber anderen Kulturen ist eine Grundvoraussetzung fürs Nearshoring. Unternehmen sollten die Vorteile und Potentiale der anderen Kultur erkennen und schätzen.

Erwarten Sie nicht, dass alle so denken und handeln, wie Sie es gewohnt sind. Auch ist nicht immer der Fall, dass die gewohnte Art das Ideal darstellt.

Auch gibt es unterschiedliche Erfahrungen zwischen einzelnen Ländern. So stellt zwar Nearshoring für viele deutsche Firmen Neuland dar, im skandinavischen Raum ist es aber weit mehr verbreitet und wird erfolgreich umgesetzt.

 


Zusammenfassung

 

In diesem Blogbeitrag haben wir Ihnen die wesentlichen und wichtigsten Kriterien zusammengestellt, die für den Erfolg im Nearshoring ausschlaggebend sind.

Für eine tiefergehende Beurteilung der Nearshore-Readiness stehen wir jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung.

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